Wenn du denkst … aber dann kommt noch mehr
Verfasst: 17.01.2025, 09:42
Wenn du denkst … aber dann kommt noch mehr
Hier ein Beispiel. Wir kennen alle diese Fußgängerbedarfsampeln. Du kommst bei „rot“ an, drückst nen Knopf, gegenüber erscheint „Signal kommt“, du stehst da und wartest auf „grün“. Erst kürzlich kam ich an solch eine Ampel angeradelt. Vor mir ein Herr, mittleren Alters mit Hut. Er geht auf diese Fußgängerbedarfsampel zu, drückt den Knopf und setzt seinen Weg unbehelligt fort. Gut, jetzt brauchte ich nicht zu drücken, aber was bewog wohl diesen Mann dazu, zu drücken und ohne einen Stopp weiterzugehen. Wollte er die Autofahrer ärgern?
Ich denke dann immer nach, was dieses Handeln, diese Aktion bewirken sollte. Der Mann schien sich von vorn herein sicher zu sein, die Straße zu überqueren, ohne überhaupt stehen zu bleiben. Natürlich hätten Autos kommen können, taten sie in diesem Fall nicht. Er geht also ganz entspannt über die Straße. Keine zehn Sekunden später, dank seines Drückens, bekam ich auch „grün“.
Es wäre natürlich schön, wäre so etwas ein Einzelfall, aber ich erlebe es sehr häufig: Drücken und einfach gehen. Die gute Frage, die mir keiner beantworten kann, ist, was bewegt mich dazu, eine Aktion auszuführen, die mir letztlich keinen Nutzen bringt. Vielleicht betrachte ich so etwas aber auch aus der falschen Perspektive. Aber dazu müsste ich mich in die Person versetzen, ihre Gedankengänge erfassen, interpretieren, neu strukturieren und in ein für mich sinnvolles Muster umwandeln. Während der Zeit hat die Ampel nach „Signal kommt“ auf „grün“ umgeschaltet. Also lasse ich das und fahre meines Weges.
Aber nicht nur Fußgänger und Radfahrer finden es toll, das rote Licht der Ampel an sich vorbeigleiten zu sehen. Auf Autofahrer fühlen sich im Schutze der Dunkelheit, besonders im Winter, unbeobachtet und nehmen es mit den Ampelphasen nicht ganz so ernst. Warum soll ich auch warten. Linksabbiegerampel „rot“, von vorne und den Seiten kommt keiner, was solls. Ich fahre einfach mal drauf los. Es ist ein schönes Farbenspiel, solltet ihr mal beobachten, wenn ihr unterwegs seid.
Aber es gibt auch Situationen aus meinem Leben, wo ich mir sage „Kann man mal machen, muss man aber nicht“. Folgendes war passiert. Ich hole dazu mal ein kleines Stückchen weiter aus. Ihr kennt ja alle diese Videos wo ein Mentos in eine Colaflasche plumpst und die Colaflasche fast explosionsartig aufschäumt und die nähere Umgebung mit Rostlöser besprenkelt. Anfang der 1990er kannten wir derartige Videos nicht, was nicht hieß, man könnte ja mal experimentieren. Man nehme eine volle Flasche Cola und ein Stück Würfelzucker. Gut, die Lokalität spielt natürlich eine nicht so unwichtige Rolle, aber wo hat man Cola und Würfelzucker schon zusammen? Natürlich in einer Gaststätte.
Besagter Vorfall ereignete sich also Anfang der 1990er Jahre in einer Gaststätte in Greifswald. Wir waren dort oft in den Ferien mit Oma und Opa, zusammen mit meiner Schwester und meinem Cousin. Wir also in dieser Gaststätte, auf dem Tisch eine volle Flasche frisch gekühlter Cola und unweit davon ein Behältnis mit Zucker. Nun kam die Situation, dass mein Cousin sich einen Würfelzucker nahm, diesen betrachtete. Dann fiel sein Blick auf die gekühlte und bereits geöffnete Colaflasche. Was macht man also im Alter von neun oder zehn Jahren. Man führt dieses Stück Würfelzucker langsam über die Öffnung der Flasche und lässt dieses dann fast zeitlupenartig hineinplumpsen. Aus damaliger Perspektive sah es für mich so aus, als würde der Würfelzucker aus zwei Metern Höhe fallen, heute weiß ich, es waren nur wenige Zentimeter. Das Ergebnis jedoch blieb das Gleiche.
So machte sich also der Würfelzucker auf den Weg, unaufhaltsam natürlich, in die Colaflasche. Er fiel, verschwand in der braunen Flüssigkeit. Es dauerte keine Sekunde und, wie Schaumwein, bildete sich ein riesiger, schier endlos wirkender Schaumteppich, der sich gnadenlos und unaufhaltsam den Weg durch den Flaschenhals aus der Flasche bahnte. Und nur Bruchteile einer weiteren Sekunde ergoss sich ein bräunlicher Schaumteppich über den gesamten Tisch. Nachdem das Spektakel vorbei war, enthielt die einst einen Liter fassende Cola nur noch einen Bruchteil des Inhalts. Allerdings frage ich mich heute. Warum Zucker in eine Colaflasche. Zucker ist ja der Hauptbestandteil einer Cola und der eine Würfelzucker musste nicht noch unbedingt hinein. Jedoch war da wahrscheinlich der Reiz, was passiert, wenn. Gut, derartige Experimente gab es in den Folgejahren nicht mehr, aber es zeigt uns anschaulich, dass wir auch ohne Videoplattformen so etwas zugemutet haben.
Wo ich gerade in den Ferien in Greifswald bin. Meine Schwester, mein Cousin und ich teilten uns während dieser Zeit ein Zimmer. Es gab ein Bett, eine Luftmatratze und ein Campingbett. Und jedes Mal, wenn wir dort waren, gab es die gleiche Schlacht um das Campingbett. Bis zur Schlichtung durch unsere Großeltern vergingen ein paar Minuten oder Stunden, aber irgendwann hatte jeder seine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Nun müssen wir uns den Raum vorstellen. Von der Tür aus links das Bett, in der Mitte ein überdimensional großer Schreibtisch, von dem aus, von der Tür betrachtet, links die Luftmatratze und rechts das Campingbett stand. Als also die Schlafgemache vergeben waren wurde es ruhig. Mein Cousin ärgerte meine Schwester zu gerne. Natürlich im Alter von neun oder zehn Jahren macht man das.
Aus purer Langeweile kaute er Kaugummi. Damals waren die meisten wie Knetmasse mit irgendeiner Art Klebstoff. Soll heißen, wo immer sie aufschlagen, du bekommst sie nicht mehr los. So auch beim rumalbern, wobei der Kaugummi irgendwie auf dem Kopf meiner Schwester landete und, durch die Klebekraft, sich nicht mehr lösen ließ. Schlussendlich flossen ein paar Tränen und um den entfernten Kaugummi lungerten ein paar Haarsträhnen. So sind Kinder eben, aber der Rest der Ferien verlief, zurückblickend, ohne weitere Vorkommnisse.
Ich bin hier in Rostock in den 1980er Jahren im noch recht jungen Stadtteil Schmarl aufgewachsen. Einmal im Jahr gab es auf einer großen Wiese einen Rummel, heute mehr als Jahrmarkt oder auch Kirmes bekannt. Es gab ein paar Buden und zwei Fahrgeschäfte. Eines dieser kleinen Riesenräder, in dem man schon mal überlegen konnte, ob man Pilot oder Astronaut werden möchte und das etwas unspektakulärere drehende Kinderkarussell mit Fluggeräten. Diese funktionieren wie folgt. Man setzt sich rein, die Fahrt geht los und mittels eines Knüppels vor dir, hast du die Möglichkeit während der Fahrt hoch und runter zu gehen.
Ich weiß nicht warum, jedoch funktionierte dieser Mechanismus natürlich bei mir nicht. Also saß ich in meinem Flugzeug und stieg auf. Es war ein nicht endender Aufstieg. Vor und hinter mir die Kinder gingen rauf und runter. Für mich gab es nur nach oben. Irgendwann war ich oben angelangt und drehte meine Runden, beneidete die anderen Kinder im auf und ab. Die Fahrt an sich dauerte nicht lange, jedoch kommt einem das als betroffenes Kind ewig vor. Runde um Runde drehte sich das Karussell. Ich hatte schon die Befürchtung irgendwann nach Feierabend immer noch oben zu sitzen, während langsam die Lichter erloschen und alle nach Hause gegangen sind. Ich weiß nicht mehr, wie viele Runden ich in luftiger Höhe drehte. Es waren aber viele, sehr viele. Dann kam aber der Moment, wo die Fahrt zu Ende ging. Das Karussell wurde langsamer und wie durch Geisterhand senkte sich auch mein Fluggerät zu Boden. Seither meide ich derartige Fahrgeschäfte. Aber eines war sicher. Der oder die Nächste in genau dieser Gondel wird das selbe Erlebnis haben wie ich.
Irgendwann, ein paar Jahre später entdeckte ich den Autoscooter für mich. Eines dieser Fahrgeschäfte, die für die Führerscheinprüfung wenig Hilfreich sind. Aber ich liebte sie. Während sich alle irgendwo in der Mitte der Fläche zu einem Knäul aus Blech und Gummi vereinten fuhr ich immer außen herum meine Runden. Ich hatte zumindest Spaß. Zum Ende der Fahrt wurde dann auch das Knäul auseinander gewirrt und die Fahrten begannen von vorn. Hab das mehrmals so gemacht. In der Mitte der Haufen an unzähligen Scootern und ich außen rum. Selten schaffte es noch einer, mich zu rammen. Die Mitte der Bühne war der scheinbar spaßigere Teil.
Aber auch ein paar Jahre später ereilten mich Situationen, aus heutiger Sicht vermeidbar, damals einfach schusselig. 1996, erstes Ausbildungsjahr. Wir hatten zwei Wochen Praxis, eine Woche Berufsschule. Und am Freitag Sport in Marienehe, wo damals die Sporthalle der Berufsschule war. Ich und einer meiner Mitstreiter aus der Berufsschule also am Freitagmorgen Richtung Busbahnhof. Da gab es eine verwirrende und doch logische Aufstellung der Busse. Zweimal Linie 30, einmal die 31, dann noch die 35, 38 und 39. unlogisch dahingehend, das zweimal die Linie 30 vorhanden war, beim näheren Betrachten jedoch logisch, dass alle Busse Richtung Lütten Klein in einer Reihe standen, also Linie 30 und 39, warum die 38 sich dorthin verirrt hat, keine Ahnung. Zumindest war es immer so, dass die Stellung der Busse der Linien 38 und 39 hintereinander Folgendes ergaben. Neuer Bus Ikarus. Sprich neuer Bus Linie 39 und Ikarus die 38.
Denkste. Wenn du es eilig hast, schaust du nicht mehr auf die Linienanzeige sondern nur auf den Bustyp. So auch an jenem Freitagmorgen. Hinzufügend muss ich noch sagen, die Linie 38 erklomm einen Berg und bog am Ende dieses Berges links ab. Gleichen Weg machte auch die Linie 39, nur die bog, um noch ein Stückchen weiter nach oben zu fahren, an selbiger Stelle rechts ab. Viel zu schnell also zum Bus geeilt, reingehechtet. Dann standen wir noch drei oder vier Minuten. Aber wir haben den Bus erreicht.
Abfahrtssignal, Türen schließen sich. Los geht es. Eine kleine Kurve nach rechts, dann links, wieder recht, rauf auf den Berg, eigentlich nur eine Zufahrt zu einem Brückenbauwerk. Und dort einfach nur nach links abbiegen und gen Marienehe fahren. Erstaunt standen wir also im Bus, als dieser vollkommen unerwartet nach rechts abbog. Also genau in die Richtung, in die wir nun am Freitagmorgen nicht wollten. Zum Glück war damals das Liniennetz noch so gut ausgebaut, dass wir gleich an der nächsten Haltestelle raus sind und in den anderen Bus nach Marienehe steigen konnten. Fazit: Was immer so ist, muss nicht immer so sein. Oder: Lieber zweimal schauen und kein mal umsteigen, als kurz vor knapp schnell noch nach Alternativen zu suchen.
Wo ich gerade bei Ausbildung und öffentlichen Personennahverkehr bin. Ein paar Wochen später, dieses Mal in der Linie 39, und das sogar mal ganz richtig, fuhr ich mit einem Kollegen Richtung Arbeit. Bepackt, wie fast jeden Morgen, mit Werkzeugkoffer und der Bus, wir sind am Busbahnhof eingestiegen, füllte sich nach und nach mit Schulkindern. Okay ist für 6 Uhr 30 nichts Ungewöhnliches. Was mich allerdings heute zur Frage bringt, warum wir uns für diese Fahrt ganz weit nach hinten setzen mussten. Okay, im Normalfall fährst du, drückst deinen Haltewunsch aus und gehst zur Tür. Im Normalfall, wenn nicht gerade vor dir eine fast schon Horde lernwütiger Schulkinder platz genommen hätte und den Weg zum Abendteuerpfad zur Tür gemacht hätten. Hatten sie aber. Folgerichtig mussten wir irgendwann raus, drückten, oben Stand „Stop“ für den Haltewunsch. Puh, alles richtig gemacht.
Ich glaube mich sogar daran zu erinnern, rechtzeitig aufgestanden zu sein, um langsam und in Ruhe den Weg zur Bustür anzutreten. Dabei hatte ich allerdings den Hürdenlauf, verursacht durch unzählige Schultaschen, nicht eingeplant. Also, der Bus kommt zum Stehen, mein Kollege und ich stehen auf, die Tür öffnet sich, wir bahnen uns den Weg über Berge von Schultaschen, in dieser Sekunde „piep piep piep“. Die Türen schließen sich in Zeitlupengeschwindigkeit. Vollkommen außer Atem erreichen wir die Tür, betätigen den Türöffner. Zu spät. Oben erschien der Haltewunsch und wir fuhren eine Station weiter. Zumindest hatten wir schon die Tür direkt vor den Füßen. Nach dem Aussteigen hieß es dann voll bepackt etwa einen Kilometer in der frischen Morgenluft wieder zurückzugehen.
Was will euch diese kleine Geschichte erzählen oder klarmachen. Nicht jeder Weg ist leicht? Kämpft euch durch das Leben und meistert alle Hürden? Damals vielleicht ja, heute, im mittleren Alter, denke ich mir, wie platzeinnehmend Kinder sind, wie doof manche Situation war. Aber, und das sage ich auch, aus heutiger Sicht war nicht alles schlecht, wenn auch manchmal aus einem kleinen Weg ein riesiger Umweg wurde.
Aber aus Fehlern lernt man und wenn man die Fehler doch wieder macht, dann war der Lernprozess noch nicht abgeschlossen. Manche treten von einem Fettnäpfchen in einen Fettnapf und später in einen ganzen Fetteimer. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir bestimmte Ereignisse magisch anziehen, sondern einfach mit der Fähigkeit, Dinge erst einmal komplett zu ignorieren, sie später langsam zu akzeptieren und einen ganzes Schwimmbecken voll Fett zu umgehen. Aber wie gesagt, der Weg dahin ist nicht immer leicht. Und egal, ob Kaugummi im Haar, verpasste Bushaltestellen oder gar falsche Linien, defekte Kinderfahrgeschäfte. Alle haben eines gemeinsam: Entweder wir lernen mit ihnen zu leben oder wir umschiffen diese. Wobei ich der Ansicht bin, nehmt jedes erdenkliche Missgeschick mit. Irgendwann schmunzelt ihr über Dinge, die ihr erlebt habt.