In jedem steckt ein MacGyver
Verfasst: 16.01.2025, 16:50
In jedem steckt ein MacGyver
Noch erstaunlicher die Ruhe und Gelassenheit. Eine Lunte brennt, noch etwa eine Minute bis die Bombe hochgeht und er setzt sich in aller Gelassenheit hin und klöppelt aus einer leeren Aludose, einem besonderen Pulver und Klebeband einen Feuerlöscher und löscht in letzter Sekunde die brennende Lunte. Ende gut, alles gut.
Gab es nicht in jedem einzelnen Leben schon Situationen, die uns bewegten, aus dem, was wir hatten, etwas zu zaubern oder gar zu reparieren? Ich meine, Klebeband hat jeder irgendwo liegen und auch irgend eine Art Schneidewerkzeug, ne Schere, nen Messer oder gar ne Rasierklinge. Gut, das Tesaklebeband ist nun kein gutes Beispiel für effektive Klebekraft, aber Panzertape schon. Nehmen wir die beiden einfach mal in den Vergleich.
Wickeln wir zwanzig Zentimeter Klebeband von diesem dünnen durchsichtigen Plastikstreifen mit Kleber ab, kommt schon das erste Problem. Es will in seine ursprüngliche Form zurück. Und ohne ein Beitun rollt es sich zusammen und natürlich kommt das eine klebende Ende mit dem anderen klebenden Ende zusammen und backt wir festgetackert. Das bekommst du nie wieder auseinander. Beispiel Kraft: Nimmt du Tesa von der Rolle, gibt es mehrere Möglichkeiten, dies in bestimmte Größen zu teilen. Die eleganteste Lösung: Eine Schere. Hast du diese nicht, nimmst du ein Messer. Gibt es auch das nicht: reißen. Wirkt dann etwas unelegant abgetrennt, funktioniert aber. Wer gute Zähne hat, der kann auch diese verwenden.
Zurück zur Kraft oder Stabilität. Hänge dich mit deinem ganzen Körpergewicht an zwanzig Zentimeter Tesa und es wird zu einem dünnen etwa fünf Meter langen Plastikfaden, den du nun nicht mehr für irgendwas zum Kleben nehmen kannst. Ganz anders sieht das bei Panzertape aus. Nimm dieses, schneide es zurück, wickel es um einen Ast, hänge dich ran. Es wird weder länger, noch reißt es. Es sei denn, du hälst dich mit einer Hand am Panzertape fest und in der anderen Hand hast du das Schweizer Taschenmesser …
Zurück zu unserem inneren MacGyver. Wir erinnern uns, alles was wir im Haushalt haben ist ein Schweizer Taschenmesser und Panzertape. Eines Tages drehst du die Dusche auf, es ist Sonntag, kein Baumarkt hat geöffnet, und aus dem Brauseschlauch sprudelt eine Fontäne wechselwarmen Wassers. Gut, du könntest bis Montag warten und einen neuen Brauseschlauch kaufen. Aber du willst, nein du musst heute noch duschen, du kommst vom Sport, schwitzt wie ein Krug kalten Wassers und willst einfach nur noch duschen. Und jetzt kommt der MacGyver in dir zum Vorschein. Statt zu resignieren gehst du zum Schubfach mit dem Panzertape und dem Schweizer Taschenmesser, schneidest etwas vom Klebeband ab, wickelst es um den Schlauch und schon ist er, zumindest vorübergehend abgedichtet. Und vielleicht fühlst du dich in diesem winzigen Augenblick wie ein MacGyver der dich gerettet hat, vor dem unausstehlichem Geruch von sportlicher Aktivität.
Es gibt so manche weitere Situation, die lässt uns über uns hinauswachsen. Nehmen wir das typische Beispiel, dass etwas, sei es lebensnotwendig oder nicht, oder gar wertvoll, hinter eine Schrankwand gefallen ist. Nun besitzt kaum einer die Superkraft, mal eben einen vollgeklöppelten, nehmen wir Bücherschrank, mit bloßen Händen wegzuschieben. Und noch weniger von uns hätten die Lust, nur um etwas Leichtigkeit zu erreichen, den Bücherschrank zu entleeren um ihn besser bewegen zu können. Also behelfen wir uns mit dem, was gerade da ist. Zum Beispiel, es liegt gerade vor mit, ein Lineal. Nicht so ein kurzes von zwanzig Zentimetern, nein, etwas mehr darf es schon sein. Und mit diesem Lineal fangen wir an, hinter dem Bücherschrank zu wühlen, sind manchmal erstaunt darüber, was noch so alles ans Tageslicht kommt, aber zum Schluss ist auch der Gegenstand, den wir eigentlich wieder hervorholen wollten. Und schon sind wir wieder ein Stück MacGyver.
Es sind oftmals die unscheinbar wirkenden Kleinigkeiten, die uns zu Erfindern machen, eben zu dem MacGyver, den wir bestaunen und bewundern. Natürlich dichten wir nicht mit Schokolade einen Säuretank ab, die wenigsten von euch werden einen im Keller haben, aber einfach etwas abdichten mit dem was zur Hand ist – einen Lappen, ein Stück Folie oder gar ein einfaches Handtuch. Natürlich gibt es Situationen, da hilft nichts. Beispiel Nagel im Reifen. Fehler: den Nagel raus ziehen. Dann ist die Luft raus und selbst wenn du den Nagel an selbiger Stelle wieder einführst. Du hast verspielt. Da hilft nur flicken oder neu kaufen.
Aber eben genau die Dinge, die uns an einem Sonntag oder Feiertag passieren, die, ob nun sofort notwendig oder nicht, repariert werden können, machen uns zu den kleinen Helden des Alltags. Sie schaffen es, dass wir uns erst Gedanken machen, die wir dann, mehr oder weniger gut, in die Tat umsetzen. Natürlich kann nicht jedes Loch mit einem Tesaklebeband abgedichtet werden, da braucht es schon was stabileres. Aber um einen Riss in einem Papier zu richten, reicht eben auch Tesaklebeband aus, zumal es nicht so auffallend ist, wie ein breiter Streifen vom Panzertape in der Farbe grau.
Natürlich leben wir mittlerweile in einer Welt, wo uns werktags die Möglichkeiten offen stehen und wir sofort losstürmen und Ersatz holen. Dann sind da eben auch die Tage, wo das nicht so einfach ist. Einige Jahre, besser Jahrzehnte zurückliegend war es nicht so einfach, mal eben schnell zum Baumarkt und Ersatz beschaffen. Entweder es gab keinen Baumarkt oder dieser schloss am Sonnabend schon um 13 Uhr. Doof, wenn der Brauseschlauch dann um 13 Uhr 1 meint, ich öffne mich. Oder noch weiter zurück in die Planwirtschaft der DDR. Da war, gerade wegen Mangel, sehr viel Kreativität gefragt. Besonders beim Reparaturen an Fahrzeugen. So manches Fahrzeug hätte heute keinen TÜV bekommen, damals ging das aber irgendwie und es lief. Die Menschen machten sich Gedanken.
Da gab es kein „Ich bestell mal fix, morgen ist es da“, nein, da war jedermann ein MacGyver, der aus dem, was er hatte etwas schuf und sei es nur zur Überbrückung einer Sicherung, die lieben kleinen Kinder sollten jetzt mal kurz den Raum verlassen, etwas Alufolie. Oder wenn nicht die passende Sicherung da war, die man hatte war gerne mal zu kurz, dann halfen auch Unterlegscheiben. Letzteres hatte zugute, dass eine Sicherung vorhanden war und nicht durch Alufolie für immer in ihrer Funktion außer-kraft gesetzt. Aber so behalf man sich. Nicht umsonst heißt es: Was nicht passt, wird passend gemacht. Was nicht heißt, dass man eine Schraube mit zehn Millimetern Gewinde in eine Mutter mit fünf Millimeter Gewinde zwangsläufig reingewuchtet bekommt. Und auch ein Nagel ist kein Ersatz für eine stromleitende Verbindung oder gar die Überbrückung einer Feinsicherung im alten Röhrenradio, das bis dato bei Schwiegermutter dröhnte und durch diesen Nagel zum Heizkörper mutierte und zum Schluss dem neuen Wohnzimmer einen rauchig-schwarzmattierten neuen Charme verleiht. Also, jetzt dürfen auch die Kleinen wieder weiterlesen. Alles was mit Strom zu tun hat. Finger weg, da sollte dann doch der Fachmann ran, denn da hilft weder Panzertape noch ein Schweizer Taschenmesser, wobei letzteres bei einer kaputten Leitung, so beispielsweise schon die blanken kupferfarbenen Drähte zu sehen sind, dahin gehend nützlich ist, in dem ihr vor dem Einsteckversuch eurer Familie den Stecker mit dem Schweizer Taschenmesser abschneidet. Aber natürlich erst, nachdem dieser aus der Steckdose entfernt wurde.
Bei dem ganzen Strom fällt mir noch etwas wunderbares ein. Okay, das betrifft aber nur diejenigen, die noch die gute alte Glühlampe verwenden. Wir stellen uns folgende Szene vor. Es ist Abend, draußen dunkel. Du musst nochmal in den Keller. Klack, Licht geht an. Du polterst die Stufen hinunter. Auf der letzten Stufe. Bling, das Licht geht aus. Da gibt es dann mehrere Möglichkeiten. Du hast nen Smartphone mit Licht, hast du aber nicht mit, liegt oben im Schlafzimmer auf dem Schrank. Möglichkeit zwei. Du hast irgendwo ne Kerze. Da du dir das Rauchen im Keller abgewöhnt hast, liegt das natürlich auf der Terrasse. Du weißt aber ganz genau, dass du Ersatzglühlampen genau neben dir im Schränkchen hast. Nun glimmt die gerade eben durchgebrannte Glühbirne, ich weiß, Glühbirnen wachsen nicht am Baum und hatten früher die Bezeichnung AGL für Allgebrauchslampe, noch vor sich hin. Passiert nicht oft, aber du weiß, wo die Leuchte ist, an der du gleich mit Wundermitteln das Leuchtmittel wechseln wirst.
Die wenigsten Menschen von uns besitzen an den Handinnenflächen eine Lederhaut, die uns vor Hitze, Kälte oder gar Nägeln bewahrt. Wir können jetzt warten, bis das defekte Leuchtmittel abgekühlt ist um es dann zu wechseln. Pustekuchen, das dauert eine Stunde, in der du noch vieles anders erledigen kannst. Also nimmst du einen Stofflappen oder, wer modern ausgestattet ist, gar das Papprohr von einer Klopapier oder Küchenrolle. Letztere eignen sich wunderbar als Armverlängerung und geben den nötigen Abstand, das Leuchtmittel aus der Lampenfassung zu drehen. Vorausgesetzt, irgend ein Wahnwitziger hat es nicht mit soviel Gewalt festgeschraubt, dass es nur noch operativ taktisch zerstört uns in vielen tausend Einzelteilen zerfallen entfernt werden kann. Wir gehen also davon aus, dass das Leuchtmittel mit einem normalen Maß an Festigkeit in der Fassung ist. Und mit der Papprolle können wir das alte noch glühende Glaskolbenmetallgewindegemisch dann aus der Fassung drehen und das neue Leuchtmittel einsetzten. Und schon wieder haben wir ein Stück von MacGyver in uns entdeckt und auch wirken lassen.
So, nun aber genug von meinen paar wenigen Ideen aus dem Haushaltshandbuch von MacGyver. Euch fallen bestimmt noch weitere Beispiele ein, wo ihr aus Alltagsgegenständen etwas Neues, Zweckentfremdetes gemacht habt, natürlich immer im Hinblick darauf, dass nicht im nächsten Augenblick die Hausratversicherung einspringen musste, weil euch die Bude abgefackelt ist, oder aus dem Keller ein überdimensionales Planschbecken wurde oder ihr beim Einschalten der Kellerbeleuchtung mal eben die Hauptsicherung des Kraftwerks außer Betrieb genommen habt, damit 100000 Haushalte für die nächsten drei Wochen ohne Strom sind und ihr bei Nacht und Nebel nach diesem Ereignis weit weit weggezogen seid.
Ihr wisst, Fernsehen zeigt euch Helden, an denen ihr euch messt. Aber messt euch nicht an ihnen, sondern überlegt, was würde jetzt MacGyver machen. Und wer einen Säuretank im Keller hat, sollte sich zwei Dinge fragen. Warum hab ich nen Säuretank im Keller? Und warum ist dieser gerade jetzt undicht. Für alle anderen gilt. Bleibt neugierig und lasst euch nicht den Spaß nehmen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, selbst kreativ zu werden und ab und an mal die grauen Zellen rattern zu lassen.
In diesem Sinne frohes Schaffen