Der ganz normale Alltagswahnsinn
Viel zu schnell vergingen die fünf Minuten. Tom ging ins Bad und machte sich langsam fertig. Wie jeden Morgen das Selbe: Duschen, rasieren, Zähne putzen und dann. Eigentlich wäre er jetzt fertig. In diesem Moment fiel ihm das Aftershave auf, dass ziemlich versteckt stand. Er nahm es und roch daran. „Hmm“, sagt er, vielleicht sollte ich heute mal dieses nehmen. Es wird sowieso niemanden auffallen, geschweige denn stören.“
Mit diesem Gedanken machte er sich auf dem Weg zum Bus. Wieder die selben Gesichter. Wie jeden Morgen die Selben, die auf den Bus warten, und keiner der ein Lächeln übrig hat. Alle mürrisch, eine ernste Mine und ansprechen sollte man sie auch nicht. Am besten gar nicht erst anschauen, und schon gar nicht durchdrängen um eventuell einen Blick auf den Fahrplan machen zu können. Einfach auf Distanz bleiben oder weiträumig umgehen. Das ist das Beste, was man früh an der Haltestelle machen kann. Aber er wusste, dass das noch nicht alles war. Noch stand die Busfahrt vor ihm. Und Tom wusste, was das bedeutet. Entweder lange stehen und dabei alles überschauen und sehen können, besonders die begeisterten Gesichtsausdrücke oder neben einem dieser freudig gestimmten Menschen sitzen. Das sind die Momente, wo er sich wünscht, einfach nur weg, einfach einmal raus aus dem Alltag und hinein in eine andere Welt. Das wird aber ein Traum bleiben. Aber schon der Gedanke daran, gab ihm das Gefühl, dass doch etwas anders war an diesem Tag.
In diesem Moment fuhr der Bus um die Ecke. Als würde das der letzte Bus sein, der jemals an dieser Haltestelle halten würde, drängten die Menschen sich durch die Türen. Sie stürmten gleich weiter zu den Plätzen. Es hatte den Anschein, als herrschte eine Art Sitzordnung. Jeder ging zielstrebig zu einem Platz. Wie ferngesteuert und programmiert. Es war beängstigend. Tom ging zu seinem „Stammplatz“. Noch bevor er saß, fuhr der Bus an. Er konnte sich kaum halten. Nach einigen Gleichgewichtsproblemen saß er dann. Er schaute zum Fenster raus. Dabei vergaß er alles um sich. Er sah zum Himmel, der noch immer leicht rot von der Sonne war. Er war so vertieft, dass er nicht merkte, was für eine Unruhe im Bus herrschte. Nicht das der Bus vielleicht überfüllt sein könnte, eher das komische Geräusch, was aus vom Motor ausging brachte zum ersten Mal Gesprächsstoff unter die sonst mürrischen Leute.
Erst ein plötzlichen Ruck riss Tom aus seinen vertiefen Blick in den Himmel. Leicht verwirrt schaute er sich um. Anders als sonst unterhielten sich die Menschen, sogar miteinander. Dieses Durcheinander von Stimmen, die nun spekulierten, was die Ursache für den doch spontanen und unerwarteten Stopp sein könnte, konnte nur noch die Stimme des Busfahrers, die über die Bordsprechanlage laut und blechern klang, übertönen. Irgendwas sagte er. Durch dieses Durcheinander und die Lautstärke der Stimmen hörte man nur deutlich die Worte Überhitzung, Öl und unterwegs. Sollte das jetzt heißen, das Öl hatte sich so sehr überhitzt, dass es verdampft ist und jemand unterwegs ist, um neues Öl vorbeizubringen? Tom machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Er wusste genau, dass er heute zu spät auf Arbeit erscheinen wird. ‚Was soll’s’, dachte er sich, ‚ändern kann ich sowieso nichts’.
Nochmals wiederholte der Busfahrer seine Durchsage. Diesmal war noch weniger zu verstehen. Die anderen Fahrgäste sind in den letzten Minuten deutlich lauter geworden. Als würde es sich um einen Wettbewerb handeln, der unter dem Motto steht: „Ich bin am lautesten und habe den längsten Atem“, versuchte jeder irgendwie der Lauteste zu sein. Man stelle sich einen Kindergarten vor, in dem jedes Kind versucht am lautesten zu sein. Fehlt nur noch, dass die Fahrgäste anfangen, durch den Bus zu laufen oder von Bank zu Bank zu springen. Zum Glück gab es weit und breit niemanden, der sich das anhören zu können, zu müssen. Ungünstigerweise musste der Busfahrer ja mitten auf der Schnellstraße halten. Gerade zu unmöglich war dieser „Parkplatz“, der genau neben einer Schallschutzwand lag. Also war Aussteigen und zu Fuß weitergehen keine gute Idee. Also hieß es warten und sehen, was passiert.
Tom fing an, sich am Lippenlesen zu versuchen. Er gab es schnell wieder auf. Lippenlesen ist eine Kunst oder einfach unmöglich bei seinen Mitstreitern, die trotz weniger Lippenbewegungen viele Worte zum Vorschein brachten. Aber nicht alle unterhielten sich auf sonderbare Weise. Einige saßen da und lasen Zeitung oder Bücher, andere wiederum telefonierten. So hatten alle etwas zu tun. Größer war die Aufruhe, als neben uns ein weiterer Bus ankam und vor unserem Bus einscherte. Jetzt machten die Worte des Busfahrers auch Sinn. Der Motor war heißgelaufen, das Öl zu heiß und ein Ersatzfahrzeug war unterwegs. Trotz Anweisungen des Busfahrers, sich doch in Ruhe den Bus zu verlassen und beim Aussteigen auf darauf zu achten, dass keiner aus dem Fahrzeug fällt, stürmten die Fahrgäste zu den Türen, drängten nach draußen, besser, sie versuchten gleichmäßig zu schieben. Dieser Mob bewegte sich mehr oder weniger Schnell zum Ersatzbus. Dort wartete freudig ein freundlicher Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe, um das neue Fahrzeug zu übergeben und sich mit dem defekten Fahrzeug zu vergnügen.
Auch Tom machte sich auf den Weg. Er hatte gewartet, bis der größte Teil der Fahrgäste den Bus verlassen hat. Im anderen Bus ging es weiter. Die Unruhe war präsenter als vorher.