Impressionen eines Fahrradfahrers

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Maik Thomaß
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Impressionen eines Fahrradfahrers

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Impressionen eines Fahrradfahrers

Seit ich denken kann, wirklich denken kann, bin ich begeisterter Fahrradfahrer. Angefangen hat das Ganze irgendwann in den 1980-iger Jahren, als ich noch ein kleines Kind war. Stolz erhielt ich mein erstes Fahrrad. Ein 24er-Herrenrad. Fragt mich nicht wie, aber ich berührte trotz meiner kleinen Größe sitzend auf dem Sattel die Pedale.

Voller Stolz ging es zum Fahrtraining. Ein Hinterhof zwischen Plattenbauten, so gut wie verkehrsfrei von Autoverkehr. Mein Opa war die stützende Hand, die schon nach den ersten Metern merkte, dass ich sehr gut mit diesem neuen zweirädrigen Gefährt klar komme. Geradeaus kein Problem, etwas wackelig, aber dennoch kein Problem. Irgendwann, so nach gefühlten 5 Kilometern, in Wahrheit waren es gerade einmal 200 Meter, endete diese verkehrsberuhigte Straße. Jetzt war es an der Zeit zu wenden. Eine etwa 250 Zentimeter breite Straße, aus heutiger Sicht ein Klacks, als Kind eine Kurve mit einer Breite aus heutiger Sicht von 50 Zentimetern.

Ehe ich den Lenker überhaupt eingeschlagen hatte, lag ich schon auf der Seite. Das wiederum demotivierte mich keineswegs. Ich stand auf, nahm das Fahrrad und fuhr zurück. Mein Opa stand wartend an dem Punkt, wo er mich losgelassen hatte. Stolz fuhr ich an ihm vorbei und wollte zeigen, wie gut ich doch Wenden in einem Zug hin bekomme. Und platsch, lag ich wieder auf der Straße. Aus heutiger Sicht würde ich felsenfest behaupten, ich wollte nur die Straße aus der Nähe betrachten. Kurzum, aufstehen, Fahrrad nehmen, erneut versuchen.

Das mit dem Wenden hatte ich an diesem Tag noch nicht geschafft. Aber mein Fahrrad, das grüne 24er der Marke Diamant schien fast unversehrt. Es trug den Spitznamen "Laubfrosch", höchstwahrscheinlich lag es an der Farbe. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich sogar das Wenden in einem Zug super hinbekommen, wäre ich auf meiner ersten Rückfahrt nur 25 Meter weiter gefahren. Dort bog die verkehrsberuhigte Straße rechts ab und verbreiterte sich kurzzeitig auf wahnsinnige 5 Meter. So sehe ich das heute, damals wollte ich unbedingt auf der Hälfte der Breite das Wenden üben.

Aber das Radfahren hat mich von diesem Tag an fasziniert. So ganz ohne Begleitschutz raus und die Runden auf dem Hinterhof gedreht. Das war was, im Kindesalter, noch vor der Schulzeit. Und irgendwann wurden die Strecken länger und die Fahrstrecken erweitert. So gab es für mich nicht mehr nur den Hinterhof, sondern nachfolgend auch eine Vorderseite des Häuserblocks und an diesem, von oben betrachtet ein "L" weiterer Block.

Immer länger wurden meine Fahrstrecken und ich bekam ein Tachometer. Ein schwarzer Kasten, etwa 5 mal 7 Zentimeter im Blick von oben, befestigt am Lenker mit einem Schlauch dran, an dessen Ende sich eine Scheibe mit Einkerbung befand. Diese wurde zwischen die Speichen des Vorderrades geklemmt, die Scheibe wurde zwischen das Vorderrad und der vorderen Gabel eingespannt. Und dann ging es los. Neben den Strecken, die ich gefahren bin, konnte ich bis auf 100 Meter genau sehen, wie weit ich gefahren bin und ein roter Zeiger auf schwarzem Untergrund mit weißen Zahlen verriet mir, wie schnell ich war. Bisher kannte ich das nur aus dem Auto.

Es gab auch weitere Modelle von Tachometern in Gusseisern und rund oder eine einfache Variante, ein Kilometerzähler, der am Vorderrad montiert nur die reine Fahrstrecke zeigte. Nun fühlte ich mich wie ein Großer und machte die Nebenstraßen unsicher. Es war ein Umstieg vom Tretauto, welches ich als kleineres Kind besaß auf das große zweirädrige Gefährt.

Im Tretauto war das Sitzen komfortabler. Es waren vier Stangen zu einem Rechteck zusammengefügt, mit vier Rädern, wobei die vorderen über ein Lenkrad bedient wurden und die hinteren über eine Kette mit einem Zahnkranz und Pedalen im vorderen Bereich verbunden waren. Unterschied zum Fahrrad: Sobald das Treten vergessen wurde, blieb man, mit genügender Anstrengung auf der Stelle und sofort stehen. Wer dies nicht wollte oder konnte, nahm die Beine förmlich zwischen die Ohren und hoffte, dass irgendwo eine Stelle kommt, damit das Gefährt stehen bleibt. Natürlich gab es auch Bremsen, die ab und an bedient wurden.

Aber nun war da ein neues Gefährt, deutlich größere Räder, an Stelle des Lenkrades waren zwei Griffe zum Festhalten und es gab eine Klingel sowie einen Bremshebel. Und der wesentlichste Unterschied zwischen dem Tretauto und dem Fahrrad bestand darin, die Balance zu halten und nicht nur die. Wer mit einem Fahrrad stehen bleibt, sollte mit seinen Füßen Bodenkontakt suchen, sonst passiert selbiges, wie beim Wenden in einem Zug etwas weiter oben.

Den Dreh hatte ich jedoch schnell raus. Schließlich fühlte ich mich auf meinem 24er wie ein Großer, weshalb ja auch meine Fahrstrecken zunehmend länger wurden und ich es nach dem Mittagessen meist kaum noch erwarten konnte, runter in den Fahrradkeller zu gehen und das Fahrrad für die nächste Tour zu nehmen.

Irgendwann entdeckte ich den Dynamo, die Lichtmaschine, mit der ich mein Fahrrad nicht nur bei Nacht, sondern auch am Tag in einen lichten Glanz versetzen konnte. Während es zu jener Zeit für viele Jugendliche ein Hochgenuss war, sich Plastikdeckel von Butterdosen zu nehmen, diese mit einer Klammer am Rahmen zu befestigen und mit den Speichen ein Knattern zu erzeugen, gehörte ich zur Fraktion "Ton ja, aber leise". Sprich mein Dynamo säuselte so vor sich hin.

Je älter ich wurde, und damit meine ich schon die Zeit, als ich aus dem Kindergarten und der Schule war, ich steckte mitten in der Berufsausbildung, blieb die Leidenschaft fürs Radeln. Meine Strecken haben sich dabei nur unwesentlich erweitert. Während mein Radius um die Wohnung meiner Großeltern gerade einmal 500 Meter betrug, fuhr ich jetzt bereits 10 bis 20 Kilometer weiter weg. Natürlich fuhr ich Tag und Nacht mit Licht. Und Ende der 1990er war es noch nicht alltäglich, dass Radfahrende auch des Tags die Beleuchtung am Fahrrad eingeschaltet hatten. So kamen mir sehr oft, gerade ältere Menschen im Alter 50+ entgegen und meinten, "Sie haben ihr Licht noch an". Ui, das war eine wichtige Info. Hörte ich zu dem Zeitpunkt ja schon gar nicht mehr auf das Säuseln meines Fahrraddynamos.

Noch einen setzte ich oben drauf, als ich mir ein neues Rücklicht mit Standlichtfunktion zulegte. Da wurde ich dann nicht mehr nur während der Fahrt auf mein eingeschaltetes Licht hingewiesen, sondern auch dort, wo ich das Fahrrad gerade abgestellt hatte.

Heute sind das Zeiten, die zwar lange her sind, jedoch noch sehr lichte. Heute, nach dem Wechsel von drei weiteren Fahrrädern, habe ich die Funktion des "ich fahre zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Licht" beibehalten.

Es gab in der Zeit von der Kindheit bis heute einige einprägende Ereignisse. Eines Abends, da konnten wir noch unbeschwert, von Stadtteil zu Stadtteil zu Fuß nach Hause gehen, ich war vielleicht 9 oder 10 Jahre, schob meine Mutter mein Fahrrad. Kurz nachdem wir losgegangen sind, erhob sie die vordere Gabel des Fahrrades und schwups, das vordere Rad rollte, freigelassen aus der Gefangenschaft der Vordergabel, langsam aber stetig Richtung Hauptstraße. Seitdem durfte meine Mutter mein Fahrrad nicht mehr anfassen.

Ein weiteres Ereignis aus den 1990er Jahren: Fahrradtour mit meiner Schwester, meinem Cousin, meiner Tante und meinem Onkel. Wir radeln Richtung Steilküste vom Ostseebad Nienhagen. Schöner Ausblick, auch heute noch, damals wie heute, ich Höhenangst. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, doch ich weiß es, es war mein Onkel, aber wir wollten von dort aus entlang der Steilküste am Strand zurück nach Hause. Hinab führte eine Treppe aus Eisen, was mir damals nicht so geheuer war. Und nun standen wir oben. Mein Cousin und meine Schwester ganz euphorisch an der Steiltreppe, ich etwas weiter entfernt vom Abgrund. Nun mussten wir irgendwie von oben nach unten und hatten, zum Leidwesen aller, noch die Fahrräder im Schlepptau. Ich weiß nur, dass wir mittelgroßen Kinder zu diesem Zeitpunkt ohne Gepäck runter zum Strand sind. Während meine Schwester und mein Cousin diese Treppe ohne Muffensausen nahmen, brauchte ich etwas länger um die gefühlten 200 Stufen herunter zu kommen. Aber ich hatte es geschafft.

Nun fehlten noch meine Tante, mein Onkel und fünf Fahrräder, die allesamt oben an der Steilküste standen. Und derjenige, der die Idee hatte, diesen Weg unten am Strand, der übersät war mit Steinen, zu gehen, hatte die ehrenvolle Aufgabe, alle Fahrräder einzeln herunter zu bringen. Gut in der Zeit hätten wir auch entlang der Steilküste zurückfahren können, aber warum einfach, wenn es auch abenteuerlich geht.

Seitdem wurde aus meinem 24er "Laubfrosch" ein 26er blaues Fahrrad, ein graues Fahrrad mit 3-Gang-Nabenschaltung über ein 21-Gang-Kettenschaltungsfahrrad bis hin zu einem 7-Gang-Nabenschaltungsfahrrad und jetzt zu einem flotten 24-Gang-Fahrrad mit Kettenschaltung. Und mit letzterem bin ich mehr als zufrieden, nachdem mein 7-Gang-Fahrrad nach 25000 gefahrenen Kilometern am Ende seiner Lebenszeit angekommen ist, oder um es anders auszudrücken. Die Reparaturen wären für mindestens zwei neue Fahrräder gut gewesen. In all der Zeit hat sich vieles verändert. So kamen die ersten Pedelecs auf den Markt, zwischendurch gab es sogar Nachrüstsätze, davor gab es den Nabendynamo, der ebenfalls eine Revolution darstellte, denn er war geräuscharm und kostete nicht mehr so viel Kraft und hatte nicht die Angewohnheit, bei nassen Rädern oder Schnee aus der Fahrradbeleuchtung ein Diskolicht zu machen. Und nun beherrschen E-Bikes und sogar Elektroroller das Gesamtbild.

Ich sehe immer wieder mit Stolz ältere Damen und Herren an mit vorbeifahren, mit viel Leichtigkeit, wenn der Gegenwind, das von Muskelkraft angetretene Fahrrad überholen. Aber genauso stolz zeige ich mich, wenn ich mit Rückenwind auf mindestens 30 Stundenkilometer komme und jene Pedelecer und E-Biker spielend überhole. Und dann waren da noch die Elektrorollerfahrer, meist irgendwo im Alter zwischen 18 und 25. Stolz bewegen sie in stehender Pose ihr Gefährt, sommers wie winters. Im Sommer mag da ja noch etwas Fahrspaß sein, während sich normale Radler bei 30 Grad am liebsten alle Klamotten vom Leib reißen würden, schweben sie auf ihren Rollern, ganz ohne Anstrengung, gekühlt vom Fahrtwind über die Straßen und Wege. Soweit die Theorie im Sommer. Aber im Winter frage ich mich, wo da noch das Vergnügen liegt, besonders bei Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes. Während sich normale Radler doch mit Muskelkraft Wärme verschaffen, stehen E-Roller-Fahrer stocksteif auf ihrem Gefährt und bekommen ungehindert den kühlenden Winterwind ins Gesicht.

Ich stelle mir gerade vor, wie ich, zwar abgekämpft aber nicht frierend, nach einer längeren Tour gegen den Wind mit einer wohligen Wärme nachhause komme und frage mich, wie geht es da einem E-Rollerfahrer. 60 Minuten in der Eiseskälte, ohne große Bewegung. Stellt er sich mit seinem Gefährt erst einmal eine Stunde zum Auftauen in den Hausflur, bis so langsam die Bewegungsabläufe wieder möglich sind?

Ich weiß es nicht, ich bin für solche Spielereien irgendwie zu alt. Einen Tretroller hatte ich als Kleinkind, dann kam das Tretauto und wurde gesteigert zum Fahrrad. Was mich jetzt wieder in die heutige Zeit bringt. In der Zeit der Nabendynamos, LED-Rücklichter mit Standlich, LED-Scheinwerfer mit und ohne Standlicht, sogar mit Sensor für automatisches Ein- und Ausschalten, der modernen Elektrofahrräder und Pedelecs, gibt es für mich die Fraktion, die einerseits Kamikaze fährt und andererseits den vorderen Scheinwerfer "testweise" auf weit und hoch eingestellt hat. Gut, letztere haben zumindest ihr Licht eingeschaltet, was für mich als entgegenkommenden Radler in der Dunkelheit nicht ganz angenehm ist, denn ich sehe für einige Zeit nur ein gleißendes Licht am Horizont, welches größer und näher kommt und beim Vorbeifahren eine kurze Blindheit hervorruft, besonders bei komplett unbeleuchteten Wegen und wenn die Blender noch die falsche Fahrbahnseite benutzen. Aber das ist nicht das große Übel, ich habe eine Gegenwaffe. Eine vollreflektierende Fahrradjacke. Am Tage erscheint diese in unscheinbar dezenten grau, aber nachts muss sie der Bringer sein. Je nach Lichtfarbe leuchte ich den Leuten, besonders den Radfahrern mit vermeintlichen Fernlicht, den rechten Weg an mit vorbei. Ich könnte während dieser Zeit sogar mein Licht abschalten, die Jacke übernimmt.

Dann gibt es da noch die Kamikaze-Radler. Selbe Strecke, Nacht, keine Straßenbeleuchtung, nur ich, mein Fahrrad und die Reflektionsjacke. Nützt in diesem Falle nur dem, der mir auf der Strecke in falscher Richtung unbeleuchtet und natürlich dunkelst bekleidet entgegenkommt. Mit Glück hat er noch ein paar Reflektoren an den Pedalen, sonst wird es eng.

Aber trotz der Widrigkeiten, die ich immer wieder erlebe, finde ich Fahrradfahren alles in allem sehr erholsam, bei fast jedem Wetter. Es gibt da auch Ausnahmen, wie Platzregen, verschneite und fest getretene mit neuem Schnee bedeckte Wege oder Eisbahnen. Und natürlich bin ich auch als Fahrradfahrer nicht gerade der Freund von einem kräftigen Gegenlüftchen. Seltenfahrer verstehen das nicht, wenn ein Oft- bis Täglichfahrer sagt, dass es auch Tage gibt, wo der Wind scheinbar immer, egal in welche Richtung ich auch fahre, von vorne kommt. Klar, wenn ich mir das schönste Wetter mit Windstille aussuche, komme ich gar nicht in den Genuss einer steifen Brise aus Nordost, die im Winter sogar mir das Gesicht für kurze Zeit zu Eis erstarren lässt.

Aber so ist das im Leben. Und so wird es auch bleiben. E-Biker fahren stolz an mir vorbei oder ich an ihnen, denn die meisten von denen können nicht mehr als 25 radeln. Und ab und an gönne ich mir, je nach Windrichtung und Gemütslage auch ein kurzes Rennen mit der Straßenbahn.
Redaktion Maik Thomaß
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